Den Namen des Buches nenne ich erst am Ende, um hier nicht evtl. jemanden zu verschrecken (denn was ich zitiere, hat mit dem Titel des Buches hier noch nichts zu tun) ;-)
…„Sicher gibt es mehrere
Motive für die Flucht vor der Realität des Todes, doch das wichtigste liegt
vielleicht in der Tatsache, daß Sterben heute grausamer als früher ist, so
einsam, so mechanisiert und unpersönlich, daß man zuweilen nicht mehr angeben
kann, in welchem Augenblick der Tod eintritt.
Die Einsamkeit, die
unpersönliche Behandlung setzen schon ein, wenn der Kranke aus der gewohnten
Umgebung herausgerissen und hastig ins Krankenhaus geschafft wird. Wer sich
jemals in solchem Augenblick nach Ruhe und Trost gesehnt hat, vergißt niemals,
wie man ihn auf die Trage packte und mit heulenden Sirenen ins Krankenhaus
transportierte: Der Transport ist der Beginn einer langen Leidenszeit. Schon
der Gesunde erträgt kaum die Geräusche, das Licht, die Pumpen, die vielen
Stimmen, die den Kranken im Notaufnahmeraum überfallen. Vielleicht sollten wir
mehr an den Patienten unter seinen Decken und Laken denken, sollten unsere
gutgemeinte Tüchtigkeit und Hast einen Augenblick vergessen, dem Kranken die
Hand halten, ihm zulächeln und seine Frage beantworten. In vielen Fällen ist
der Transport ins Krankenhaus schlicht die erste Phase des Sterbens. Wenn ich
in diesem Zusammenhang immer wieder an den Gegensatz zu dem Kranken erinnere,
der in seiner gewohnten Umgebung bleiben darf, will ich damit natürlich nicht
sagen, daß man ein Leben aufgeben sollte, das in einer Klinik vielleicht noch
gerettet werden könnte: Ich möchte nur dazu auffordern, mehr als zur Zeit an
die Situation des Kranken und seine Reaktionen zu denken. Häufig scheint man
dem schwerkranken Patienten das Recht auf eine eigene Meinung abzusprechen,
wenn man bestimmt, ob er ins Krankenhaus gebracht werden soll. Aber es kann ja
schließlich nicht so schwierig sein, sich daran zu erinnern, daß der Kranke
selbst Gefühle, Meinungen und vor allem das Recht hat, gehört zu werden.
Im Notaufnahmeraum der
Klinik entfaltet sich sofort die Geschäftigkeit von Schwestern, Pflegern,
Assistenzärzten; vielleicht stellt sich eine Laborantin zur Blutabnahme ein,
ein Spezialist, der das Elektrokardiogramm machen will; vielleicht packt man
den Kranken auf den Röntgentisch. Jedenfalls fängt er hier und da eine Bemerkung
über seinen Zustand oder entsprechende Fragen an seine Angehörigen auf.
Langsam, unausweichlich beginnt man ihn als Gegenstand zu behandeln, er hört
auf, eine Person zu sein. Oft entscheidet man gegen seine Wünsche, und wenn er
sich dagegen aufzulehnen versucht, verabreicht man ihm ein Beruhigungsmittel.
Nach langen Erörterungen rollt man ihn vielleicht in den Operationssaal oder in
eine Station für Intensivbehandlung, wo er zum Gegenstand intensiver Bemühungen
und großer finanzieller Investitionen wird.
Er mag um Ruhe, Frieden
und Würde flehen – man wird ihm Transfusionen, Infusionen, die
Herz-Lungenmaschine, eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) verordnen – was eben
medizinisch notwendig erscheint. Vielleicht sehnt er sich nur danach, daß ein
einziger Mensch einmal einen Augenblick bei ihm stillhält, damit er ihm eine
einzige Frage stellen kann – doch ein Dutzend Leute macht sich rund um die Uhr
an ihm zu schaffen, kümmert sich um seine Herz- und Pulsfrequenz, um
Elektrokardiogramm und Lungenfunktionen, um seine Sekrete und Exkremente – nur
nicht um ihn als Persönlichkeit.
Auflehnung hilft nichts,
denn alles wird ja nur getan, um sein Leben zu erhalten – und wenn man es
retten kann, ist ja später immer noch Zeit, an ihn als Individuum zu denken. Wer
zuerst den gesamten Menschen in Betracht zieht, könnte darüber wertvolle Zeit
zu seiner Rettung verlieren! Das jedenfalls scheint die Begründung oder
Rechtfertigung der ganzen Betriebsamkeit zu sein – oder ist es ganz anders?
Liegt die Ursache dieser immer mehr mechanischen, unpersönlichen Behandlung in
uns selbst?
Können wir vielleicht nur
auf diese Weise mit den Ängsten fertig werden, die ein schwer oder hoffnungslos
Erkrankter in uns selbst auslöst? Konzentrieren wir uns auf Blutdruckmesser und
andere Instrumente, weil wir den drohenden Tod nicht sehen wollen, der so
furchtbar und erschreckend ist, daß wir unser ganzes Wissen auf Apparaturen
übertragen? Denn Instrumente bedrücken uns weniger als die leidenden Züge eines
menschlichen Wesens, das uns wieder einmal an die eigene Ohnmacht erinnert, an
unsere Grenzen, unser Versagen, unsere eigene Sterblichkeit.
Vielleicht müsste die
Frage lauten: Werden wir menschlicher oder unmenschlicher? Dieses Buch will
nicht die Antwort geben; doch wie sie auch immer ausfallen würde, steht eines
doch fest: Der Patient leidet mehr, und wenn nicht körperlich, so doch in
seinem Gefühlsleben. Seine Bedürfnisse haben sich im Laufe von Jahrhunderten
nicht geändert, wohl aber unsere Fähigkeit, ihnen nachzukommen.“ …
Auszug aus dem Buch
„Interviews mit Sterbenden“.
Ich hoffe, es hat Euch auch, wenn schon nicht unbedingt gefallen, so doch zum Nachdenken bewegt. Der Tod gehört zum Leben nun mal dazu, doch wir alle neigen dazu, ihn zu verdrängen (vor allem unseren eigenen, wie oben ja auch erwähnt). Und wenn er uns dann in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis be-trifft, sind wir oft Wort- und hilflos diesen Situationen ausgesetzt. Wer will schon das Ende sehen?! Aber ist der Tod wirklich das Ende? Mich tröstet nicht nur der Gedanke, dass meine Seele weiter lebt, sondern er nimmt mir auch die Angst vor meinem Ableben, weil ich weiß, dass es weiter geht, eben nicht das Ende ist. Mit diesem Satz schließe ich diesen Eintrag jetzt ab.
Danke fürs bis hier unten Lesen :-)
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