Geschlüpft
Kribbeln
im Bauch.
Der erste Tag,
neue Umgebung, neues Leben.
Zaghaft.
Das Schreiben war während meines Klinikaufenthalt von sehr
großer Bedeutung. Die oben geschriebenen Zeilen bezeichnet man als „Elfchen“,
was weniger mit Elfen zu tun hat, denn mehr mit elf Worten, die in
1-2-3-4-1-Weise geschrieben werden. Man kann so viel damit zum Ausdruck bringen
und ich finde diese Form von Poesie
wirklich sehr einfach und gleichermaßen schön.
In einer Geschichte, die ich fortführen musste, kamen wir
über einen Satz zum Kern „meines Problems“. Dieser Satz lautete: „Der Hunger
wies mir den Weg.“ Bereits beim Schreiben spürte ich seine elementare Aussage
und als die Therapeutin ihn vorlas, wussten wir beide, dass dieser Hunger bei
mir sehr ausschlaggebend ist. Dieser Hunger hat viele Gesichter, ich kann
ihn noch nicht wirklich greifen und
definieren. Mir fallen einige Dinge dazu ein, die gewiss eine große Rolle
spielen. So ist es zum Beispiel Fakt, dass ich seit meinem 12. Lebensjahr mit
meinem Körpergewicht im Clinch liege und versuche, den Hunger zu kontrollieren
und gehe in gewisser Weise sogar von einer Form von Essstörung bei mir aus; wenn
auch nicht so schlimm wie eine Bulimie, so kreisen meine Gedanken ständig ums
Essen, ums Abnehmen und meistens, wenn ich gegessen habe, habe ich ein
schlechtes Gewissen. Dann spielt wohl der Hunger, den mein Opa auf seiner
Flucht aus Ungarn und seiner Zeit im Krieg und in späterer Gefangenschaft
leiden musste, wohl ebenfalls bei mir „mit rein“. Über das Buch „Kriegsenkel –Die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode kam ich zu diversen
Erkenntnissen, dass die Geschehnisse des Krieges, bzw. sogar beider Kriege,
noch meine Seele beeinflussen. Das Buch wurde in der Klinik von Hand zu Hand
gereicht! Nahezu auf jeder Seite habe ich mich, meine Eltern oder Großeltern in
dem Buch wieder gefunden! Schon beim Lesen der ersten Seiten platzte ein Knoten
bei mir und meiner Mutter, zu der ich seit vielen Jahren ein sehr schwieriges
Verhältnis habe. Durch das Buch habe ich für mich ein anderes Verständnis
bekommen, dachte ich doch seit vielen Jahren schon, dass mit mir etwas nicht
stimmt, ich nicht alle Tassen im Schrank habe, umtriebig, rast- und ruhelos
bin, nie wirklich glücklich und zufrieden über einen längeren Zeitraum sein
kann. Ich hatte keine plausible Erklärung
dafür, dass ich seit früher Jugend depressiv bin und regelmäßig von
Selbstmordgedanken heimgesucht werde.
Nun stehe ich wieder an einem Scheidepunkt in meinem Leben.
Ich habe meine zweite Ehe in den Sand gesetzt, den zweiten guten Mann verlassen
und weiß nun, dass ich mich mit mir zunächst aussöhnen muss, bevor ich mich
einem anderen Menschen „zumuten“ kann. Ich weiß nun, dass es eine Ursache gibt,
warum ich mich selbst nicht lieben und akzeptieren kann, wie ich bin, und dies
muss ich jetzt erarbeiten, annehmen und auflösen. Für Dirk tut es mir unsagbar
leid, dass er nun der Leidtragende in dieser Angelegenheit ist – ich hoffe, er
versteht und verzeiht es mir irgendwann!
Auf der ganzen Linie muss ich also gerade mein Leben neu
sortieren, denn für mich steht fest, dass ich in meinen alten Job als Schulsekretärin
nicht mehr zurückgehen werde. Es bleibt also spannend, es wird ein
interessantes Jahr. Aber ich bin von einer sehr positiven Grundstimmung
geprägt, das Licht am Horizont ist deutlich zu sehen.
Schön, dass du wieder so klar siehst und einen Plan hast!
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