In Vucht angekommen drehen wir erst mal noch eine Runde im Auto, um den Schauer abzuwarten. Wir sind zwar nicht aus Zucker, aber wenn man gleich am Anfang eines 20 km Laufs schon nass wird, kann das auf die Dauer doch unangenehm werden. Es nieselt also nur noch minimal als wir los laufen. Noch mal kurz in die Büsche gesprungen und dem Lauf steht nichts mehr im Wege. Ich zücke meine mitgenommene Kamera, um die trübe, diesige Stimmung einzufangen und muss, als hätte ich es geahnt, feststellen, dass der Akku leer ist. Toll, schleppe ich das Ding also 20 km umsonst mit.
(Dirk hat während des Wartens auf mich ein Foto vom Deich
in Vucht mit seiner Kamera gemacht.)
in Vucht mit seiner Kamera gemacht.)
Die ersten 5 km über den Deich und an der Maas entlang kommt der Wind und somit der Nieselregen von vorne, etwas unangenehm, vor allem für die Brille. Dann gehts durch den Ort mit dem nicht so schönen Namen "Kotem", wo ich mich einst verlaufen habe und Erinnerungen kommen hoch. Ich muss schmunzeln bei der Geschichte mit den Damen, die mich dann spontan im Auto zu unserem Ausgangspunkt gefahren hatten. Die unterschiedlichsten Gerüche wehen mir um die Nase; da riecht es noch nach Bauernhof und Misthaufen, im nächsten Augenblick ist ein Hauch von Weihrauch in der Luft, dann wieder Sonntagsbraten. Herrlich, ich liebe diese Dorfstimmung.
So spule ich Kilometer um Kilometer weitestgehend auf dem Deich ab. Da zu laufen finde ich ganz toll, außer, dass man den Wind dort so gut spürt, vor allem, wenn er meist von vorne kommt. Trotzdem habe ich einigermaßen konstant ein Tempo von 6:50 auf der Uhr. Ich weiß, das ist eigentlich deutlich zu schnell, aber ich hatte mir vor dem Lauf überlegt, ich mache eine Art Generalprobe für Berlin und will den Lauf in einem guten Wohlfühltempo schaffen, also möglichst unter 7 bleiben. Ab und an zücke ich meine Karte und vergewissere mich, dass ich noch richtig bin. Bei km 12 sollte es eine Stelle geben, die einzige, wo ich mich eventuell verlaufen könnte, wie Dirk meint. Als die Stelle kommt, korrekt nach 12 km, habe ich also die Wahl zwischen rechts oder links, und als hätte ich es geahnt, entscheide ich mich für links, was natürlich falsch ist. Es ist schon blöd, wenn man sich verläuft, aber es ist saublöd, wenn man dies mehr oder weniger sehenden Auges tut. Na ja, ganz so offensichtlich war es für mich zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich befürchtete es unterschwellig. Also laufe ich weiter auf einem Feldweg, wo ich eigentlich schon fast den Kanal wieder erreicht haben müsste. Der Weg zieht sich und dann endlich gibts eine Abzweigung nach rechts. Doch statt des Kanals bin ich wieder an der Maas. Da wird mir klar, dass ich mich verlaufen habe und der Anfang vom Ende ist sicher. Bis zur nächsten Brücke, die mir endlich das Erreichen des Kanals signalisiert, halte ich noch tapfer durch, da bin ich bei km 14. Ich entscheide mich (dummerweise) für die linke Kanalseite und ab km 15 bin ich mental gebrochen. Panik macht sich breit, als ich plötzlich überlege, ob ich überhaupt in die richtige Richtung laufe. Die Gegend ist mir so fremd, so tief unten am Kanal bin ich nie gewesen. Soll ich jetzt weinen? Nein, es würde schließlich auch nichts ändern. Mit einem Schlag tut mir alles weh, vor allem beide Knie und die Energie ist futsch, aber sowas von. Ich schätze ab, dass ich mindestens 3 Kilometer falsch gelaufen bin, womit ich im Nachhinein ziemlich genau richtig liege. Es gelingt mir nicht, über mich hinaus zu wachsen und den Lauf als zusätzliche Mental-Einheit für das Training zu sehen.
Der Rückweg erscheint mir endlos. Ich will noch mit Würde die 20 km voll machen, ab da ist mir alles egal, aber ich quäle mich durch die nächsten Kilometer. Besonders schlimm ist der 19. Kilometer. Ich schaue fast alle 50 Meter auf die Uhr, die sich kaum verändert, die Beine tun mir so weh. Der Gedanke, ein Auto anzuhalten kommt mir natürlich erneut, aber hier auf dem Deich am Kanal fahren leider keine Autos. Doch, allerdings auf der anderen Seite und die nächste Brücke ist da irgendwo am Horizont, da, wo ich eigentlich auch schon so gut wie endlich angekommen bin. Würde jetzt ein Fahrradfahrer kommen mit einem Gepäckträger, ich würde ihn vermutlich anhalten und fragen, ob er mich bis zur roten Brücke fahren kann. Die rote Brücke ist die Brücke, über die ich muss, um endlich wieder nach Vucht zu kommen. Von dort aus ist es je nach Runde nur noch 1 km direkt durchs Dorf, oder 2 km über den Deich. Welche Runde ich wähle, ist ja wohl klar! Der Weg zieht sich und ich muss gehen, ich kann nicht mehr laufen. Das Gehen tut zwar auch weh, aber für meinen lädierten Kopf fühlt es sich immer noch besser an. Auch meine Musik kann mich nicht mehr motivieren, weiter zu laufen, ich nehme sie ab. Eigentlich wäre das jetzt der perfekte Moment, in Tränen auszubrechen. Aber ich tu es nicht und ich werde es auch nicht tun, wenn ich ins Auto einsteige, irgendwann, in 27 Stunden vermutlich.
Ich bin ca. 100 Meter vor der roten Brücke und sehe Scheinwerfer, die dort eigentlich nicht hingehören. Das kann nur mein Schatzi sein, der mich sicher schon lange vermisst und endlich suchen kommt. Ich hoffe inständig, dass er dort stehen bleibt, somit hätte ich immerhin 1 km gespart. Doch als ich die Brücke überquere steht dort kein Auto, das auf mich wartet. Wäre ja auch zu schön gewesen. Also schleiche ich durch Vucht und hoffe, dass Dirk wenigstens noch an der Kirche steht und nicht wild durch die Gegend fährt, um mich zu suchen. Das Dorf ist wie ausgestorben. Dann endlich kommt das schwarze Auto erlösend um die Ecke und sammelt mich ein. Unter Stöhnen setze ich mich und trinke erst mal. Ich weine nicht, sondern erzähle. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir 23,3 km und eine Durchschnittspace von 7:18 an. Ich kann es kaum glauben und freuen kann ich mich erst recht nicht. Das will sich nicht so richtig einstellen.
Zu Hause angekommen bin ich leer. Leer im Kopf und leer in jeder Pore meines Körpers, der an allen möglichen Stellen Bauch abwärts schmerzt. Die heiße Dusche dauert somit sehr lange und bringt allmählich ein paar Lebensgeister zurück. Nach einem kleinen Mittagessen und einem Nickerchen gehts mir jetzt schon besser. Nein, Freude stellt sich immer noch nicht ein. Die Macht meines Kopfes überschattet den Lauf immer noch zu sehr; es macht mir ein wenig Angst, wie negativ mich dieses dumme Verlaufen beeinflusst hat, auch, wenn ich im Auto bereits gesagt habe, dass ich diese Strecke gerne noch mal laufen möchte. Landschaftlich war sie sehr schön.
Übrigens waren die Scheinwerfer tatsächlich von Dirk. Allerdings hat er mich auf der anderen Seite des Kanals nicht vermutet und somit auch nicht gesehen.

Marion, du arme verirrte. Ich fühle mit dir....
AntwortenLöschenAber inzwischenkannst du dich doch freuen. Neuer Weitenrekord! Das ist doch etwas. Und für die zukünftigen Läufe kannst du positiv mitnehmen, dass du diesen Lauf überstanden hast. Also: positiv denken. Es geschieht nichts umsonst.
Und jetzt erhole dich erst einmal.
Grüße aus Trier, auch an Dirk
Rainer :)